Investment-Wissen

P90 im Ertragsgutachten einer PV-Anlage richtig lesen

Systemsprung Redaktion · · 6 min Lesezeit
P90 im Ertragsgutachten einer PV-Anlage richtig lesen
Auf einen Blick

P50, P90, Performance Ratio, Degradation: Dieser Beitrag erklärt die Kennzahlen eines Ertragsgutachtens so, dass Sie eine Ertragsprognose eigenständig einordnen und vor der Zeichnung die richtigen Rückfragen stellen können.

Was bedeutet P90 im Ertragsgutachten einer PV-Anlage?

P90 ist der Ertragswert, der mit 90 % Wahrscheinlichkeit erreicht oder überschritten wird – rechnerisch also in 9 von 10 Jahren. P50 ist der Medianwert: In der Hälfte der Jahre liegt der Ertrag darüber, in der anderen Hälfte darunter. Er gilt als „best estimate“ (Solargis). Der Unterschied zwischen beiden Werten hat nichts mit der Technik zu tun, sondern allein mit Wahrscheinlichkeit.

Pxx-Werte sind dabei keine klassischen statistischen Perzentile aus Messreihen, sondern Überschreitungswahrscheinlichkeiten auf Basis einer unterstellten Normalverteilung. Der Rechenweg lautet P90 = Mittelwert − 1,282 × Standardabweichung. Für P75 gilt der Faktor 0,675, für P99 der Faktor 2,326 (Solargis).

Daraus folgt eine Klarstellung, die in Verkaufsunterlagen oft fehlt: Auch ein P90-Wert kann unterschritten werden – per Definition in rund 10 % der Jahre. „Konservativ gerechnet“ heißt nicht „sicher“.

Und was ist das Dokument selbst? Das Ertragsgutachten simuliert unabhängig, welchen Stromertrag eine konkrete Anlage über ihre Betriebsjahre erwarten lässt. Es gehört in jeden vollständigen Datenraum – also in den digitalen, zugangsbeschränkten Unterlagenbereich eines Projekts.

Warum interessiert sich meine Bank mehr für P90 als für P50?

Finanzierer dimensionieren Fremdkapital üblicherweise am P90, nicht am P50. Sie prüfen, ob der Kapitaldienst auch in ertragsschwächeren Jahren tragbar bleibt (Surge PV; Financely). Für Sie als Anleger zeigt sich am P90 deshalb, wie belastbar eine Finanzierungsstruktur ist.

Das eigentlich interessante Signal ist der Abstand zwischen beiden Werten: Je größer die Lücke zwischen P50 und P90, desto höher die Unsicherheit der zugrunde liegenden Daten (pv magazine, 20.01.2017).

Als Orientierung, nicht als Zielwert: Einen einheitlichen Branchenstandard gibt es für PV nicht. In Studien und Praxisbeispielen werden – je nach Datenqualität und Annahmen – häufig Abschläge in einer Größenordnung um ca. 10 % (teils 5 bis 12 %) angesetzt; höhere Werte sind möglich (Surge PV). Projektspezifisch sollten Sie sich den angesetzten Abschlag belegen lassen. Eine andere Quelle nennt eine Spanne von 5 bis 12 % und rechnet in einem Rechenbeispiel vor, dass eine kombinierte Unsicherheit von 6 % rund 7,7 % Abstand ergibt (Heaven Designs) – ein Fachblog-Beispiel, kein allgemeingültiger Standard. Das zugrunde liegende Lehrbuchprinzip lautet: P90 = P50 − 1,282 × σ.

Eine Rückfrage lohnt sich immer: Ist der ausgewiesene P90-Wert ein 1-Jahres- oder ein 10-Jahres-P90? Der Zehn-Jahres-Wert liegt höher, weil sich Wetterschwankungen über ein Jahrzehnt teilweise ausgleichen (SgurrEnergy). Stehen beide Werte unkommentiert nebeneinander, vergleichen Sie Ungleiches.

Woher kommen die Einstrahlungsdaten – und wie verlässlich sind sie?

Die Globalstrahlung am Standort ist der wichtigste Eingangswert jeder Ertragsprognose. Gutachten stützen sich auf Satelliten- und Messdatenbanken wie PVGIS, Solargis oder Meteonorm. Deren Werte für denselben Standort können um mehr als acht Prozent auseinanderliegen; die Unsicherheit einer Ertragsberechnung liegt typischerweise bei einigen Prozent – eine feste Bandbreite lässt sich nicht pauschal angeben, da sie von Datenquelle, Modellkette und Validierung abhängt und projektspezifisch mit Quellen zu belegen ist (Milk the Sun).

Zwei Referenzpunkte für Deutschland: Die mittlere Jahressumme der Globalstrahlung lag 2025 bei 1.187 kWh/m², das Mittel der Referenzperiode 1991–2020 bei 1.086 kWh/m², das Rekordjahr 2022 bei 1.227 kWh/m² (DWD, „Das Strahlungsjahr 2025“ (PDF)).

Der Standort schlägt dabei den Bundesdurchschnitt. 2025 reichte die regionale Spanne von 1.092 kWh/m² in Schleswig-Holstein bis 1.280–1.307 kWh/m² unter anderem am Bodensee, im Breisgau, im Saarland und in Niederbayern (DWD, Strahlungsbericht 2025).

Planen Sie außerdem Jahresschwankungen ein: Als Richtwert – kein fixer Standard – werden für die interannuelle Schwankung der jährlichen Globalstrahlung in Deutschland Größenordnungen von etwa 2 bis 6 % genannt (Facharbeiten zeigen im Deutschland-Mittel rund 3 %); in Extremjahren kommen größere Ausschläge vor. Die tatsächliche Spannweite ist orts- und zeitabhängig und sollte anhand der DWD-Zeitreihen bzw. der projektspezifischen Varianz geprüft werden. Für robuste Referenzwerte empfiehlt sich eine langfristige Referenzperiode (typischerweise mindestens 10 bis 20 Jahre; das WMO-Klimanormal umfasst 30 Jahre) (Solar-Prinz).

Was sagen Performance Ratio und Degradation über meine Anlage aus?

Die Performance Ratio (PR) beschreibt, welcher Anteil des theoretisch möglichen Ertrags tatsächlich als Strom ankommt. Nach IEC 61724 gilt: PR = Final Yield / Reference Yield (solar.red).

Zur Größenordnung: Fraunhofer ISE nennt für heute installierte Anlagen PR-Werte von 80 bis 90 % im Jahresmittel – einschließlich Verlusten durch Temperatur, Verschmutzung, Verschattung, Leitungen und Wechselrichter. In den ISE-Annahmen zu Stromgestehungskosten stehen eine PR von 85 %, eine Degradation von 0,5 % pro Jahr und 1.100 kWh/(m²·a) Globalstrahlung (Fraunhofer ISE, „Aktuelle Fakten zur Photovoltaik in Deutschland“).

Degradation bezeichnet den jährlichen Leistungsverlust der Module. Als Planungswert werden häufig 0,5 % pro Jahr genutzt; eine ISE-Auswertung von 44 qualitätsgeprüften Dachanlagen zeigte im Mittel rund 0,15 % pro Jahr, Top-Anlagen liegen teils darunter. Herstellergarantien laufen heute typischerweise über 25 bis 30 Jahre; üblich sind mindestens 84,8 % Restleistung nach 25 Jahren (P-Typ) bzw. rund 87,4 % nach 30 Jahren (N-Typ/TOPCon) – die konkrete Garantie ist je Hersteller zu prüfen (solaranlage.eu; 42watt).

Fragen Sie deshalb nach, welche PR- und Degradationsannahme dem Gutachten zugrunde liegt – und ob diese zur tatsächlich verbauten Technik und zum Wartungskonzept passt.

Wie rechne ich mit P50 und P90 – ein Beispiel

Rechenbeispiel, keine Prognose für ein konkretes Projekt: Angenommen, ein Gutachten weist einen P50-Jahresertrag von 1.000.000 kWh aus. Bei einem Abschlag von 10 %, der in der oben genannten Bandbreite liegt, ergibt sich ein P90 von 900.000 kWh. Rechnen Sie Ihren Cashflow mit dem P50, erscheint die Finanzierung um 100.000 kWh Stromertrag pro Jahr komfortabler als in der Sicht, die eine Bank anlegen würde. Welcher Wert in der Wirtschaftlichkeitsrechnung steht, verändert das Ergebnis erheblich – ohne dass sich an der Anlage etwas ändert.

Zweite Ebene: Der Ertrag in Jahr 1 ist nicht der Ertrag in Jahr 20. Bei einer angenommenen Degradation von 0,5 % pro Jahr liegt die Modulleistung nach 20 Betriebsjahren rechnerisch rund 10 % unter dem Ausgangswert. Eine Prognose, die über die gesamte Laufzeit mit konstantem Ertrag rechnet, sollten Sie hinterfragen.

Zur Unsicherheitsrechnung: Einzelunsicherheiten – beispielhaft etwa Satellitenmodell GHI ±3,5 %, PV-Simulation ±5 % und zwischenjährliche Variabilität 3,2 % – werden über die Wurzel aus der Summe der Quadrate kombiniert, nicht einfach addiert (Solargis). Die genannten Prozentwerte sind eine beispielhafte Größenordnung; projektspezifisch sind sie nach Datenquelle und Validierung zu belegen (z. B. IEA-PVPS, PVPMC, Anbieter-Validierungen).

Risikohinweis: Der tatsächliche wirtschaftliche Verlauf hängt zusätzlich von Strompreis, Vergütung, Technik, Verfügbarkeit und Betriebsführung ab. Prognosen sind unverbindlich.

Welche Fragen sollte ich vor der Zeichnung zum Ertragsgutachten stellen?

Sechs Fragen klären das Wesentliche: Wer hat das Gutachten erstellt und wann? Welche Datenquelle und welcher Referenzzeitraum liegen der Einstrahlung zugrunde? Handelt es sich um ein 1-Jahres- oder ein 10-Jahres-P90? Welche PR- und Degradationsannahme wurde gerechnet? Sind Verschattung, Verschmutzung und technische Verfügbarkeit berücksichtigt? Und wie groß ist der Abstand zwischen P50 und P90?

Das Gutachten steht nicht für sich allein. Es gehört zusammen mit Kaufvertrag, Pacht- oder Dachnutzungsvertrag, Netzanschlusszusage, Versicherungsnachweisen und Wirtschaftlichkeitsrechnung in den Datenraum eines Projekts.

Ob der Investitionsabzugsbetrag (IAB) nach § 7g EStG – ein steuerlicher Abzugsbetrag für geplante betriebliche Investitionen – in Ihrem Fall nutzbar ist, hängt von Ihrer individuellen steuerlichen Situation ab und ist mit Ihrem Steuerberater zu klären. Dieser Beitrag ist keine Steuer-, Rechts- oder Anlageberatung.


Laut Anbieterangaben sind auf der Systemsprung-Plattform die Unterlagen zu Fokusprojekten – einschließlich Ertragsgutachten und Wirtschaftlichkeitsrechnung – im Datenraum einsehbar; Zugänge für Steuerberater und Bank sind als Portal-Nutzer möglich (Laufzeit und Modalitäten, etwa eine zeitliche Begrenzung oder ein reiner Lesezugriff, bitte der Website bzw. dem Exposé entnehmen). Ebenfalls nach Anbieterangaben macht der Cashflow-Rechner mit 40-Jahres-Sicht die zugrunde liegenden Annahmen nachvollziehbar, Berater begleiten den Prozess persönlich. Diese Angaben sind öffentlich nicht unabhängig verifizierbar.

Risikohinweis: Investitionen in Photovoltaikanlagen sind mit Risiken verbunden, bis hin zum teilweisen oder vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals. Prognosen sind unverbindlich und stellen keine Zusage künftiger Erträge dar. Dieser Beitrag ersetzt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung.

Häufige Fragen

Ist ein P90-Wert garantiert?▾

Nein. P90 bedeutet, dass der Wert mit 90 % Wahrscheinlichkeit erreicht oder überschritten wird – in rund 10 % der Jahre wird er rechnerisch unterschritten ([Solargis](https://kb.solargis.com/docs/p50-p90-and-other-scenarios)). Garantien für Erträge gibt es nicht.

Welchen Wert sollte ich meiner eigenen Kalkulation zugrunde legen?▾

Das ist eine individuelle Entscheidung, die von Ihrer Risikotragfähigkeit und der Finanzierungsstruktur abhängt. Banken rechnen üblicherweise mit dem P90 ([Surge PV](https://www.surgepv.com/glossary/p50-p90)). Es empfiehlt sich, beide Szenarien nebeneinander zu betrachten.

Warum weichen Ertragsprognosen für denselben Standort voneinander ab?▾

Weil unterschiedliche Einstrahlungsdatenbanken genutzt werden, deren Werte um mehr als acht Prozent auseinanderliegen können, und weil PR- sowie Degradationsannahmen variieren ([Milk the Sun](https://milkthesun.com/de/news/ertragsberechnung-so-liefert-die-ertragssimulation-ihrer-photovoltaikanlage-belastbare-ergebnisse/)).

Sagt ein hoher P90 etwas über die Qualität der Anlage aus?▾

Nicht direkt. Ein hoher P90 relativ zum P50 zeigt vor allem eine geringe Prognoseunsicherheit, also eine gute Datenbasis ([pv magazine](https://www.pv-magazine.de/2017/01/20/wetterdaten-genauere-vorhersagen-reduzieren-finanzierungskosten/)). Technische Qualität zeigt sich in Komponenten, Garantien und Betriebsführungskonzept.

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